"Auf dem Bolzplatz haben wir uns frei gefühlt"

Eren Dinkci im Interview mit WERDER.DE - Teil I

Eren Dinkci lebt seinen Traum vom Profi (Foto: WERDER.DE).
Interview
Dienstag, 19.10.2021 / 17:42 Uhr

Das Interview führte Martin Lange

Für den SV Werder in der Bundesliga zu spielen, ist für Eren Dinkci die Erfüllung eines langjährigen Traums. Im ersten Teil des großen WERDER.DE-Interviews erklärt der in Bremen geborene Offensivspieler, warum er für seine Karriere bei den Grün-Weißen erst einen langen Anlauf benötigte und es dann mit dem Sprung zu den Profis plötzlich ganz schnell ging.

WERDER.DE: Eren, du bist eines der Gesichter des SPIELRAUM-Projekts, das möglichst vielen Kindern und Jugendlichen in Bremen und umzu eine Sportbiografie ermöglichen und sie für Werder und den Sport begeistern will. Wie findest du es, dass sich Werder in dieser Form engagiert?

Eren Dinkci: „Ich finde das überragend. Kinder treiben heute leider nicht mehr so viel Sport wie früher. Ich habe immer gerne Sport gemacht, in der Kita, in der Schule. Daher bin ich beim SPIELRAUM-Projekt gerne dabei und versuche Kindern zu vermitteln, wie wichtig Bewegung ist und wie viel Spaß man dabei haben kann. Die bisherigen Besuche in den Stadtteilen, zum Beispiel in Blumenthal oder Tenever, waren wirklich toll und haben mir Spaß gemacht.“

Fußball - das "Wichtigste überhaupt"

WERDER.DE: Du bist in Bremen geboren. Welche Stadtteile kennst du aus deiner Kindheit und Jugend besonders gut?

Eren Dinkci: „Ich glaube, dass ich wirklich jeden Stadtteil kenne. Ich habe ja fast überall mal Fußball gespielt (lacht). Vor einigen Jahren sind wir von Hemelingen nach Tenever gezogen. Seitdem bin ich dort zu Hause. Der Ruf von Tenever ist nicht der beste. Aber ich fühle mich pudelwohl, habe mein Abi dort gemacht. Es ist ein bunter und sehr spannender Multikulti-Stadtteil.“

WERDER.DE: Wie wichtig war für dich früher das Kicken mit Freunden auf dem Bolzplatz oder auf der Straße?

Eren Dinkci: „Es war das Wichtigste überhaupt. Auf den Gummiplätzen in Tenever habe ich viel mit meinen Freunden gespielt. Auch in Blockdiek, wo ich bis heute zwei sehr gute Freunde habe. Als Kinder sind wir einfach rausgegangen, hatten Spaß, haben uns auf dem Bolzplatz frei gefühlt. Manchmal haben wir von morgens bis abends gekickt, ohne etwas zu essen, haben nur unseren Eistee getrunken (lacht). Das war wirklich das Beste an unserer Kindheit.“

WERDER.DE: Gehst du immer noch auf den Bolzplatz?

Eren Dinkci: „Wenn wir mal ein paar Tage freihaben, dann geht es nicht ohne Fußball bei mir. Dann kicke ich mit meinen kleinen Cousins – auf dem Bolzplatz oder bei ihnen im Garten in Sebaldsbrück. Auch sonntags nach dem Regenerationstraining bin ich häufig dort.“

Vom SV Hemelingen zu Werder Bremen

WERDER.DE: Du hast bereits in mehreren Bremer Vereinen gespielt. Wie ist es zu diesem Weg gekommen?

Eren Dinkci: „Bis zur U15 war mein Vater, der früher auch Fußball gespielt hat, mein Trainer. Begonnen haben wir gemeinsam beim SV Hemelingen. Dort waren wir bis zur E-Jugend, sind dann zum TuS Komet Arsten gegangen. Dort entstanden viele Freundschaften, nicht nur unter den Spielern, sondern auch zwischen den Eltern. Nach einiger Zeit sind wir mit einer größeren Gruppe zum ATSV Sebaldsbrück gewechselt. Dort hatten wir eine sehr starke Mannschaft. Außer gegen Werder haben wir damals keine Spiele verloren. Später sind wir dann zusammen weiter zum FC Oberneuland, hatten dort auch eine der besten Jugend-Mannschaften in Bremen. Mit den 2001ern haben wir unter anderem als jüngerer Jahrgang die Futsal-Landesmeisterschaft gewonnen. Daran erinnere ich mich sehr gerne zurück. Nach der U15 beim FC Oberneuland hat mein Vater dann als Trainer aufgehört.“

WERDER.DE: Wie ging es für dich weiter?

Eren Dinkci: „Ich war damals körperlich noch nicht so weit wie viele andere in meinem Alter. Daher bin ich für ein Jahr zum ATSV Sebaldsbrück zurückgegangen. Ich habe als C-Jugendlicher in der B-Jugend gespielt, war dort aber nicht mehr mit meinen Freunden zusammen und habe die Lust am Fußball spielen ziemlich verloren. Meinem Vater und meinem Onkel bin ich sehr dankbar, dass sie mich trotzdem immer wieder angetrieben haben. Mein Vater ist zum Beispiel mit mir alleine Fußball spielen gegangen. Er hat mich bestärkt weiterzumachen und gesagt: ‚Egal, ob du später in der Kreisliga spielst oder den Sprung in die Bundesliga schaffst, mach weiter‘. Und mein Onkel, der in Sebaldsbrück wohnt, hat bei jedem Training zugeschaut und mich ebenfalls unterstützt. Tatsächlich bin ich dann nach einem Jahr in Sebaldsbrück zum SC Borgfeld in die U17 gewechselt. Zunächst habe ich dort nicht gespielt. Aber bei meinem ersten Einsatz habe ich gleich getroffen, danach wieder und danach wieder. Wir sind mit der U17 in die Bundesliga aufgestiegen. Das war das Highlight in meiner Jugendzeit."

Über ein Probetraining in die Junioren-Bundesliga

WERDER.DE: Hattest du als Kind und als Jugendlicher immer den Traum, Profi zu werden?

Eren Dinkci: „Ich bin sicher, dass fast jedes Kind, das Fußball spielt, davon träumt. Mir ging es genauso. In der U17 war ich zum Probetraining bei Rot-Weiß Erfurt eingeladen, wurde aber letztlich nicht genommen. Und danach hatte ich echte Zweifel, ob es noch klappt, und dachte mir, dass es schwer wird, noch irgendwo reinzukommen. Also habe ich mir vorgenommen, einfach weiter in Borgfeld mit meinen Freunden zu spielen und abzuwarten, was sich noch ergibt.“

WERDER.DE: Warum hast du damals nicht längst bei Werder gespielt?

Eren Dinkci: „Ich hatte in der U9, U10 bis zur U14 regelmäßig immer wieder bei Werder mittrainiert. Und ich wurde von meinen Mitspielern auch immer wieder gefragt: Warum spielst du denn nicht bei Werder? Ehrlich gesagt: Ich wusste es nicht. Wahrscheinlich hat es einfach nicht gereicht. Ich habe darüber allerdings damals gar nicht groß nachgedacht.“

WERDER.DE: Letztlich bist du doch noch bei Werder gelandet. Wie kam es dazu?

Eren Dinkci: „Mein Trainer in Borgfeld hatte es mir ermöglicht, dass ich mit der Bremer U18-Auswahl zum Sichtungsturnier nach Duisburg fahre. Dort sind wirklich alle Clubs mit Scouts vertreten. Ich habe in unserem zweiten Spiel getroffen, im dritten auch, dazu noch ein Tor aufgelegt. Und ich kann mich erinnern, dass ich im letzten Spiel gegen die Auswahl aus Bayern richtig gut gespielt habe. Dadurch wurde zum einen der FC Ingolstadt auf mich aufmerksam. Zum anderen hat mich Marco Grote (damals U19-Trainer des SV Werder, Anm. d. Red.) zum Probetraining eingeladen. Fünf Einheiten waren geplant, aber schon nach dem zweiten Training hat er gesagt, dass er mich im nächsten Jahr bei Werder haben will. Darüber habe ich mich damals tierisch gefreut.“

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"Die Klarheit hat gefehlt"

Die Chancen waren (erneut) da, genutzt haben die Grün-Weißen sie nicht. Bei der 1:2-Niederlage bei Holstein Kiel fehlte den Werderanern wie schon in den Zweitliga-Spielen zuvor die Klarheit bei den Offensivaktionen, da waren sich Interimscoach Christian Brand, die Spieler und Geschäftsführer Fußball Frank Baumann einig.

28.11.2021 / 00:03 / Profis

WERDER.DE: Warst du als Kind regelmäßig bei Werders Bundesliga-Heimspielen?

Eren Dinkci: „Immer, wenn ich Zeit hatte. Wir hatten auch mal Dauerkarten. Da habe ich mit meinem Vater eine ganze Saison über den Stehplätzen in der Ostkurve gesessen. Ich erinnere mich zum Beispiel sehr gut an Werders 3:2 gegen Real Madrid in der Champions League. Damals war ich live dabei.“

WERDER.DE: Auf welche Werder-Spieler hast du besonders geschaut?

Eren Dinkci: „Claudio Pizarro, immer Claudio Pizarro (lacht). Ich weiß noch, wie Werder mal gegen den 1. FC Köln zur Pause mit 0:2 hinten lag. Am Ende gab es einen 3:2-Sieg durch drei Tore von Pizarro. Das ganze Stadion hat seinen Namen gesungen, da hatte ich Gänsehaut.“

Der perfekte Ballkontakt

WERDER.DE: Mittlerweile stehst du selbst für die Profis auf dem Platz. Welche Erinnerungen an dein Bundesliga-Debüt im Dezember 2020 sind besonders haften geblieben?

Eren Dinkci: „Zunächst natürlich das Tor. Der Ball kam auf mich zu, war auf einmal im Netz, und alle sind auf mich zu gerannt. Die andere Erinnerung ist, wie ich davor am Freitagmorgen mit der U23 auf dem Trainingsplatz stand, unser Athletiktrainer Henrik Frach zu mir kam und sagte: ‚Du trainierst heute bei den Profis mit‘. Um 13.00 Uhr sollte das Training sein. Um 11.00 Uhr rief er mich nochmal an und sagte: ‚Du fährst wahrscheinlich auch mit nach Mainz. Musst du noch Sachen von zu Hause holen?‘. Ich habe gelacht und gesagt: ‚Henrik, ich habe nichts mit. Natürlich muss ich noch Sachen holen‘.“

WERDER.DE: Wie ging es dir in diesem Moment?

Eren Dinkci: „Ich wurde ein bisschen nervös, bin dann nach Hause gefahren. Meine Mutter hat mich ungläubig angeschaut und gefragt: ‚Warum packst du deine Sachen? Ihr habt doch gar kein Spiel dieses Wochenende…‘. Denn bei der U23 war die Saison wegen Corona abgebrochen. Da habe ich ihr gesagt: ‚Ich fliege mit nach Mainz‘. Dieses Lächeln in ihrem Gesicht werde ich nie vergessen. Ein paar Stunden später saß ich dann schon mit im Flugzeug.“

Ich habe mir das Tor immer wieder angeschaut.
Eren Dinkci

WERDER.DE: Wie schnell hast du nach dem Spiel realisiert, dass du nach der Einwechslung durch dein Tor mit dem ersten Ballkontakt im ersten Bundesliga-Spiel etwas Historisches geschafft hattest?

Eren Dinkci: „Ganz ehrlich: Es fällt mir heute manchmal noch schwer. Es hat sehr, sehr lange gedauert. Ich habe mir das Tor immer wieder angeschaut. Mein Onkel hat es mir jeden Tag wieder geschickt und dazu geschrieben: Ja, das bist wirklich du, der da trifft (lacht).“

WERDER.DE: Wie waren die Wochen nach deinem Bundesliga-Debüt?

Eren Dinkci: „Die größte Veränderung war, dass ich danach regelmäßig bei den Profis mittrainieren durfte. Dafür bin ich unglaublich dankbar. Es ist für mich eine wahnsinnige Ehre. Schließlich habe ich hier nur ein Jahr in der U19 gespielt, dann acht Spiele in der U23, und schon war ich bei den Profis. Dass es so schnell ging, kann ich manchmal immer noch nicht richtig realisieren. Zum Beispiel, wenn Leute auf mich zukommen und mich fragen: ‚Bist du nicht der Fußballprofi Eren Dinkci?‘. Ich habe aber eine Menge Respekt vor dem Profigeschäft. Es kann sich alles sehr schnell ändern, zum Beispiel durch eine schwere Verletzung.“

Hier geht es zu Teil II

 

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